Was, wenn ein Kinderzimmer ihre ganze Welt wäre?
Stellen Sie sich vor, Sie müssten Ihr ganzes Leben in Ihrem Kinderzimmer verbringen. Sie dürften nie nach draussen, hätten keine Spielsachen, kein Handy und keinerlei Beschäftigung. Zwar bekämen Sie regelmässig Essen und Wasser – doch das wäre alles. Kein Rennen, kein Entdecken, keine Abwechslung.
So ähnlich sieht der Alltag leider noch immer für viele Kaninchen aus.
Warum viele Menschen ein falsches Bild von der Kaninchenhaltung haben
Wer sich ein Kaninchen anschaffen möchte, stösst im Zoofachhandel schnell auf kleine Holzställe. Sie vermitteln den Eindruck, dass ein solcher Stall für ein glückliches Kaninchen ausreicht. Dieses Bild stammt jedoch aus einer Zeit, in der Kaninchen vor allem als “sogenannte” Nutztiere gehalten wurden – nicht als Heimtiere mit komplexen Bedürfnissen.
Schaut man stattdessen auf ihre wilden Verwandten, wird schnell klar, wie gross der Unterschied ist. Wildkaninchen leben in Gruppen, graben weit verzweigte Tunnelsysteme, legen täglich grosse Strecken zurück, springen, buddeln, erkunden ihre Umgebung und verbringen viele Stunden mit der Futtersuche. Dieses natürliche Verhalten verschwindet nicht, nur weil Kaninchen als Haustiere leben.
Aussenhaltung
Bei der Aussenhaltung muss das Nachtgehege genügend Platz bieten, denn je nach Wetter oder Situation halten sich die Kaninchen zeitweise auch tagsüber dort auf. Es dient zudem nicht nur als Schlafplatz – Kaninchen sind auch in der Dämmerung und nachts aktiv. Deshalb sollten sie dort problemlos rennen, Haken schlagen und springen können. Ein kleiner Stall reicht dafür keinesfalls aus.
Ebenso wichtig ist eine zuverlässige Sicherung vor Raubtieren. Das Nachtgehege sollte rundum geschützt sein – an den Seiten, nach oben und auch nach unten. Stabiler Draht sollte deshalb ausreichend tief im Boden vergraben oder der Boden entsprechend gesichert werden, damit sich Füchse oder andere Tiere nicht unter dem Gehege hindurchgraben können. Eine Überdachung mit stabilem Draht schützt zudem vor Greifvögeln wie Habichten und verhindert, dass Marder, Füchse oder Katzen ins Gehege gelangen. Besonders wichtig ist die Wahl des richtigen Drahtes: Empfohlen wird punktgeschweisster, verzinkter Maschendrahtzaun mit einer ausreichend kleinen Maschenweite und mindestens 1.2 mm Drahtstärke. Der häufig im Handel erhältliche «Kaninchendraht» (Sechseckgeflecht) ist hingegen nicht zuverlässig sicher. Eine ausführliche Anleitung zum Bau eines mardersicheren Geheges sowie Empfehlungen zum geeigneten Draht finden Sie auf Kaninchenwiese.
Zusätzlich sollten Kaninchen täglich Zugang zu einem grosszügigen Auslaufgehege haben. Auch hier gilt: Je grösser, desto besser. Optimal ist ein grosser, sicher eingezäunter Garten oder ein entsprechend weitläufiges Aussengehege, in dem die Tiere nach Herzenslust rennen, Haken schlagen, buddeln und ihre Umgebung erkunden können. Wichtig: Auch tagsüber sind Kaninchen nicht automatisch vor Raubtieren sicher. Füchse können zu jeder Tageszeit unterwegs sein – während der Jungenaufzucht sind sie besonders intensiv auf Nahrungssuche. Auch Greifvögel wie Habichte können eine Gefahr darstellen. Idealerweise wird deshalb auch der Tagesauslauf rundum und nach oben gesichert. Ist dies nicht möglich, sollten die Kaninchen den ungesicherten Auslauf nur unter Aufsicht nutzen.
Good to know: Kaninchen können das ganze Jahr über draussen leben, wenn ihre Haltung gut geplant ist. Wichtig ist jedoch, dass sie nicht im Winter von einer warmen Innenhaltung nach draussen umziehen. Der Umzug sollte erst erfolgen, wenn keine Bodenfröste mehr zu erwarten sind – in der Regel etwa ab Mai. So haben die Kaninchen genügend Zeit, sich an die Temperaturen zu gewöhnen und ihr Fell an die Jahreszeiten anzupassen. Sind sie einmal an die Aussenhaltung gewöhnt, können sie den Winter problemlos draussen verbringen, sofern ihnen ein gut geschützter, trockener und zugfreier Unterschlupf zur Verfügung steht.



Innenhaltung – freie Wohnungshaltung statt Käfig
Auch in der Wohnung brauchen Kaninchen sehr viel Platz - Ideal ist die freie Wohnungshaltung. So können sie ihren natürlichen Bewegungsdrang ausleben, rennen, Haken schlagen und ihre Umgebung erkunden. Ein Käfig oder ein kleines Gehege reicht dafür nicht aus.
Damit die Wohnung sicher ist, sollten Stromkabel, Steckdosenleisten und andere potenzielle Gefahrenquellen gut gesichert oder für die Kaninchen unzugänglich gemacht werden. Kaninchen erkunden ihre Umgebung mit den Zähnen und können Kabel leicht anknabbern, was lebensgefährlich sein kann. Auch giftige Zimmerpflanzen sowie kleine Gegenstände, die verschluckt werden könnten, gehören ausser Reichweite.
Da viele Wohnungen glatte Böden haben, sollten Teppiche oder andere rutschfeste Unterlagen ausgelegt werden. Sie geben den Kaninchen sicheren Halt und können helfen, schmerzhaften Druckstellen an den Hinterpfoten (Pododermatitis) vorzubeugen.
Für die Toiletten eignen sich grosse Katzenklos, die mit geeigneter Einstreu gefüllt werden. Sie bieten ausreichend Platz und werden von den meisten Kaninchen gut angenommen. Mit etwas Geduld werden alle Kaninchen stubenrein.



Beschäftigung und Einrichtung
Kaninchen sind neugierige und intelligente Tiere. Damit sie ihre natürlichen Verhaltensweisen ausleben können, brauchen sie eine abwechslungsreiche Umgebung mit verschiedenen Beschäftigungsmöglichkeiten. Dazu gehören Tunnel, Verstecke, erhöhte Ebenen, Baumstämme oder Weidenbrücken, frische Äste zum Benagen sowie Buddelmöglichkeiten.
In der Aussenhaltung eignen sich beispielsweise Bereiche mit Erde oder Sand, in denen die Kaninchen selbst graben können. In der Wohnung lässt sich dieses Bedürfnis mit einer Buddelkiste erfüllen. Auch Kartons, Röhren oder erhöhte Liegeplätze sorgen für Abwechslung und laden zum Erkunden ein. Werden die Einrichtungsgegenstände gelegentlich umgestellt oder ergänzt, entstehen immer wieder neue Anreize, die Umgebung zu entdecken.


Fazit
Kaninchen sind keine pflegeleichten Heimtiere, die mit einem kleinen Stall und etwas Futter zufrieden sind. Sie sind intelligente, soziale und bewegungsfreudige Tiere mit vielfältigen Bedürfnissen. Wer sich für Kaninchen entscheidet, übernimmt Verantwortung für viele Jahre und sollte ihnen genügend Platz, Gesellschaft, Beschäftigung und eine sichere Umgebung bieten.
Denken Sie noch einmal an den Beginn dieses Beitrags zurück: Ein Leben lang in einem kleinen Zimmer – ohne Abwechslung, Bewegung oder Beschäftigung. Für viele Kaninchen ist genau das leider noch immer Realität. Dabei verdienen sie die Möglichkeit, zu rennen, Haken zu schlagen, zu buddeln und einfach Kaninchen sein zu dürfen.
Eine artgerechte Haltung bedeutet nicht Perfektion, sondern den Willen, sich an den Bedürfnissen der Tiere zu orientieren. Denn jedes Kaninchen verdient ein Zuhause, in dem es nicht nur überlebt, sondern ein glückliches und erfülltes Leben führen kann.