Nagetiere sind keine Kuscheltiere

Datum: 24. November 2025
Autor:

Hamster, Kaninchen und Meerschweinchen sind flauschig, süss und beliebt bei Kindern. Doch bei der Nagerhaltung würden viele Fehler gemacht – auf Kosten der Tiere, sagt Olivier Bieli vom Gnadenhof Papillon im grenznahen Elsass.

Olivier Bieli, Kaninchen, Meerschweinchen oder Hamster haben ein weiches Fell. Sind es die perfekten Haustiere für Kinder?

Nein, überhaupt nicht. Die Haltung von Nagetieren ist generell äusserst anspruchsvoll und grundsätzlich kritisch zu sehen.

Weshalb?

Das hat verschiedene Gründe. Ein wichtiger ist, dass diese Tiere kaum Möglichkeiten haben, uns ihr Befinden mitzuteilen – Hunde oder Katzen können dies eher durch Bellen, Winseln oder Fauchen. Das führt dazu, dass viele Halter:innen kaum einschätzen können, wie es ihren Nagetieren geht – und Kinder schon gar nicht.

Was gilt es zu beachten, wenn man ein solches Tier für seine Kinder kaufen möchte?

Es gibt einige grundsätzliche Punkte, die für jeden Tierkauf gelten: Man muss sich über die Bedürfnisse des Tiers genau informieren. Wie viel Platz und welches Futter braucht es? Ist es ein Einzelgänger oder ein Gruppentier? Zudem sollte man nie spontan entscheiden und genau abmachen, wer es betreut – auch während Ferienabwesenheiten –, und sich überlegen, ob man die Kosten für allfällige Tierarztbehandlungen aufbringen kann.

Und was sind spezifische Punkte, die bei der Haltung verschiedener Nager-Arten wichtig sind?

Kaninchen leben gerne in Gruppen und benötigen einegrosse Anlage im Freien, wo sie Tunnels und Höhlen in den Boden graben können. Meerschweinchen dürfen ebenfalls nur in Gruppen gehalten werden. Sie brauchen eine grosszügige Anlage mit vielen Rückzugsmöglichkeiten. Wie viele kleinere Nagetiere sind sie sehr schreckhaft – es stresst sie, wenn man sie streichelt oder in die Hände nimmt. Für sie ist das, als würde ein Greifvogel zupacken.

Wie steht es mit anderen Nagern wie Hamstern, Degus oder Chinchillas?

Die Haltung von Degus und Chinchillas ist in meinen Augen verantwortungslos. Es sind Wildtiere, die kaum an den Umgang mit Menschen gewöhnt sind. Hamster sind Einzelgänger und brauchen ein grosses Gehege mit viel Einstreu, um Gänge und Kammern zu graben. Auch sie sind keine geeigneten Haustiere. Sie mögen es nicht, herumgetragen zu werden – und vor allem sind sie nachtaktiv.

Und werden tagsüber von ihren Halter:innen geweckt?

Ja, entweder, weil ihre Gehege in Zimmern stehen, in denen tagsüber viel Betrieb ist. Oder gar um mit ihnen zu spielen. Ich habe einmal auf einem Spielplatz ein Mädchen getroffen, das einen Hamster mitgenommen und seinen Kamerad:innen gezeigt hat. Ich habe ihm erklärt, dass das Tier jetzt schlafen müsste und dass das Tierquälerei ist.

Was läuft auch noch schief bei der Haltung von Nagetieren?

Auf der einen Seite informieren sich viele Halter:innen nicht genügend. Auf der anderen Seite nehmen Zoofachgeschäfte und Züchter:innen ihre Verantwortung nicht wahr. Zoogeschäft erwecken vielfach den Eindruck, dass die Haltung von solch kleinen Tieren ganz einfach und unkompliziert sei – zum Beispiel mit dem Verkauf von Minigehegen, die gerade einmal die gesetzlichen Mindestvorgaben erreichen. Zudem bieten sie Tiere zum Teil an, wenn sie noch zu jung sind, und sie kontrollieren nicht, ob sie an einen geeigneten Platz kommen.

Was sehen Sie in Ihrer Tierschutzarbeit für Fälle?

Ich habe leider schon viele schlechte Nagerhaltungen gesehen: zum Beispiel ein Kaninchen allein in einem kotübersäten, winzigen Kistchen in einer Raucherwohnung. Oder eines, dem ein Abszess den gesamten Kiefer weggefressen hatte. Die Dunkelziffer an schlechten Haltungen ist gross.

Wäre es also besser, für sein Kind eine Katze oder einen Hund statt eines Nagetiers anzuschaffen?

Ja, definitiv. Wenn es unbedingt ein Nagetier sein muss, sollte man darauf achten, ein Abgabetier zu übernehmen – zum Beispiel aus einem Tierheim oder einer Auffangstation. Kauft man es in einer Zucht oder im Zoogeschäft, kurbelt man das Vermehrungsgeschäf an.

Wie steht es mit einer Tierpatenschaft für ein Kind?

Das ist die beste Möglichkeit. Viele Tierheime, Lebens- und Gnadenhöfe bieten diese Möglichkeit an. Man kann das Patentier mit seinen Kindern regelmässig besuchen – und bringt ihnen zwei wertvolle Lektionen bei: Nicht alles, wofür breit Werbung gemacht wird, ist sinnvoll. Und was wir gernhaben und faszinierend finden, brauchen wir nicht einzusperren. Wir müssen wegkommen vom Glauben, dass wir alles besitzen müssen.

Zur Person

Olivier Bieli ist Tierschützer aus Leidenschaft. Gemeinsam mit seiner Frau Rebecca leitet er den Gnadenhof Papillon im Elsass, führt ein Tierheim in Rumänien und die Schweizerische Hunde- und Katzenrettung SHKR. Mit der Gruppe Basel Animal Save leistet er zudem Tierschutz-Aufklärungsarbeit in der Region Basel.