Wenn Tiere zu Überschüssen werden
Die Schweizer Landwirtschaft wird oft mit Bildern von kleinen Familienbetrieben, grünen Alpen und vermeintlich tierfreundlicher Produktion verbunden. Doch ein Blick hinter die Kulissen zeigt ein anderes Bild: Überproduktion, Preiszerfall, Notexporte – und Tiere, die zu einem Systemüberschuss werden.
Milch: Wenn „zu viel“ zur Normalität wird
Die Schweiz produziert regelmässig mehr Milch, als im Inland sinnvoll verarbeitet werden kann. Die Folge sind Milchschwemmen, Preisstürze und Notexporte (Blick). 2025 wurden rund 3,43 Milliarden Liter Milch angeliefert – deutlich mehr als im Vorjahr (Der Schweizer Bauer). Diese Mengen müssen teilweise zu Weltmarktpreisen verkauft oder als Überschuss verwertet werden, was die Produzent:innen unter Druck setzt.
In der Praxis bedeutet das:
- Milch wird zu Billigprodukten verarbeitet
- Überschüsse werden exportiert
- und ein Teil landet sogar in der Entsorgung oder Verwertung als Abfall (K-Tipp)
Aus Tierschutzsicht ist das zentral: Jeder zusätzliche Liter Milch bedeutet mehr Belastung für das Tier – unabhängig davon, ob die Milch überhaupt gebraucht wird.
Das System dahinter: Mehr Leistung, mehr Druck auf die Tiere

Um in diesem Markt zu bestehen, wird auf Hochleistungskühe gesetzt. Das hat direkte Folgen:
- extrem hohe Milchleistungen pro Tier
- erhöhte Krankheitsanfälligkeit
- verkürzte Lebensdauer
- Dauerstress durch physiologische Überlastung
Die Kuh wird damit funktional auf maximale Produktion optimiert – nicht auf Gesundheit oder Lebensqualität. Gleichzeitig steigt durch diese Logik die Gesamtmenge weiter, was die Überproduktion zusätzlich verstärkt: ein klassischer Rückkopplungseffekt.
Kälber: das systematische Nebenprodukt
Ein zentraler, oft ausgeblendeter Punkt ist die Verbindung zwischen Milchproduktion und Kälbern.
In der Milchindustrie werden Kälber meist kurz nach der Geburt von der Mutter getrennt, damit die Milch verkauft werden kann. Das bedeutet:
- emotionale Belastung für Kuh und Kalb
- frühzeitige künstliche Ernährung der Kälber
- wirtschaftliche Verwertung statt natürlicher Aufzucht
Das Kalb wird damit nicht als eigenständiges Tier im System behandelt, sondern als Nebenprodukt der Milchproduktion.

Fleisch als indirektes Resultat der Milchproduktion
Die Milchindustrie produziert gleichzeitig Fleisch – oft unbeabsichtigt:
- männliche Kälber sind für die Milchproduktion nicht nutzbar
- sie werden gemästet oder früh geschlachtet
- zusätzliche Fleischmengen entstehen ohne direkte Nachfrageplanung
Damit ist die Milchproduktion auch ein Treiber von Fleischüberschüssen, die strukturell ähnlich problematisch sind wie die Milchschwemme selbst.
Schweine: Wenn Überproduktion direkt zu Tötungen führt

Noch drastischer zeigt sich das Problem in der Schweineindustrie. Medienberichte und Tierschutzorganisationen weisen darauf hin, dass bei Marktüberhängen zehntausende Tiere getötet werden müssen, weil sie wirtschaftlich nicht mehr vermarktbar sind (Blick).
Aus Tierschutzsicht ist das besonders brisant:
- Tiere werden nicht nach Bedarf produziert
- sondern nach erwarteter Rentabilität
- und im Überschussfall „entsorgt“
Subventionen und Fehlanreize: Wer bezahlt die Überproduktion?
Ein zentraler Punkt ist die Rolle staatlicher Unterstützung. Die Schweizer Landwirtschaft wird stark subventioniert und reguliert – unter anderem durch:
- Direktzahlungen
- Grenzschutzsysteme
- Zulagen für Verarbeitung (z. B. Käsemilch) (Agrarbericht)
Zusätzlich wird kritisiert, dass sogar Schlachtabfälle indirekt durch öffentliche Mittel mitfinanziert werden, etwa über Verarbeitungs- und Entsorgungsstrukturen im Fleischsystem. Das führt zu einem strukturellen Problem: Während private Betriebe produzieren, trägt die Öffentlichkeit einen Teil der Kosten, die durch Überproduktion entstehen. Steuerzahlende und Konsument:innen tragen damit indirekt die Kosten eines Systems, das mehr produziert als gebraucht wird.
Fazit
Die Diskussion um Überproduktion, Milchschwemme und Fleischüberschüsse zeigt nicht nur ein wirtschaftliches oder politisches, sondern ein grundlegend ethisches Problem. Solange Tiere in ein System eingebunden sind, das auf maximale Ausbeutung ihrer Körperfunktionen ausgelegt ist, entstehen zwangsläufig:
- Überproduktion statt Bedarf
- Leid statt Fürsorge
- und Tiere als „verwertbare Einheiten“ statt als fühlende Lebewesen
Die Konsequenz aus Tierschutzsicht ist deshalb klar: Ein konsequenter Tierschutz endet nicht bei besseren Haltungsbedingungen, sondern bei der Frage, ob Tiere überhaupt für Ernährung genutzt werden sollten. Wer Tierleid vermeiden will, kann es nicht nur „reduzieren“, sondern muss es strukturell verhindern. Das bedeutet konkret eine pflanzliche Lebensweise ist der konsequenteste Weg, um:
- keine Tiere für Milch oder Fleisch zu nutzen
- keine Überproduktion tierischer Produkte zu unterstützen
- und kein System zu finanzieren, das auf Tierverwertung basiert
