Das Schweigen der Fische
In der Advents- und Weihnachtszeit landen viele Fische auf unseren Tellern. Es sind Tiere, denen wir erstaunlich wenig Mitgefühl entgegenbringen. Warum eigentlich? Tierethiker Christoph Ammann reflektiert.
Wie Menschen mit Fischen umgehen
«Weisst du, wie viel Mücklein spielen in der heissen Sonnenglut, wie viel Fischlein auch sich kühlen in der hellen Wasserflut?» So beginnt die zweite Strophe des Kinderlieds «Weisst du, wie viel Sternlein stehen», das fast 200 Jahre alt ist. Nein, ich weiss die Antwort auf diese Fragen nicht, aber es muss eine unvorstellbar grosse Zahl sein. Ähnlich unvorstellbar ist, dass es auf der Welt rund 32’500 verschiedene Fischarten geben soll. Ständig werden neue Arten entdeckt. In der Schweiz soll es 70 Arten geben. Das klingt nach wenig, ist aber eigentlich auch schon unfassbar viel.
Unglaublich ist auch, dass weltweit jährlich 90 Millionen Tonnen Fisch gefangen werden. Die Überfischung der Ozeane ist ein riesiges Problem. Der hochindustrialisierte Fischfang ist alles andere als nachhaltig. Auch die Fischzuchten, die sogenannten «Aquakulturen», lösen das Problem nicht. Gezüchtete Lachse oder Thunfische bleiben Raubfische und müssen mit Wildfischen gefüttert werden. Für ein Kilogramm gezüchteten Thunfisch braucht es 15 Kilogramm Fischnahrung, was wiederum die Überfischung fördert.
No brain, no pain?
All diese Zahlen und Zusammenhänge sind aber noch nicht alles, was uns an Fischen interessieren sollte. Relevant ist für mich als Ethiker, dass sie uns weniger zu kümmern scheinen, weil sie so anders sind als wir Menschen. «No brain, no pain», hiess es lange.
Man nahm an, weil Fischen die entsprechenden Gehirnareale fehlten, könnten sie auch keinen Schmerz empfinden. Sie als reine Reflexmaschinen zu sehen, legitimierte es auch, sie zu essen. Die heutige Forschung sieht das anders. Fische reagieren auf Schmerzstimuli, und sie wollen den Schmerz loswerden, genau wie eine Maus – oder ein Mensch.



Beziehungsprobleme
Aber warum kamen Menschen überhaupt auf die Idee, ein Fisch könnte eine Art Reflexautomat sein? Doch wohl einfach darum, weil Fische so grundlegend anders sind als wir. Sie leben ganz anders, sehen ganz anders aus und drücken sich anders aus. Es braucht mehr Anstrengung, ihr Verhalten zu interpretieren. Wir sehen ihren Schmerz nicht so unmittelbar, wie wir das Leiden eines Hundes sehen und hören. All dies macht es schwer für uns, mit ihnen in eine Beziehung zu treten, und dies macht es leichter für uns, sie ethisch nichts zählen zu lassen.
Fazit
Wir können uns die Mühe machen, sie anders zu sehen. Dazu braucht es unter anderem Vorstellungskraft und Mitgefühl. Dann sehen wir sie nicht als Biomasse, sondern als Mitgeschöpfe, die genauso unseren Respekt verdienen wie jene Tiere, die uns näherstehen. Vielleicht denken wir daran, bevor wir das nächste Mal ein Lachsfilet zubereiten oder eine Pizza al Tonno bestellen?

Der Tierethiker Christoph Ammann ist Mitglied im Stiftungsrat von ProTier. Der Vater von drei Kindern lebt mit seiner Familie in Zürich Witikon, wo er als reformierter Pfarrer arbeitet. Er ist Präsident des «Arbeitskreises Kirche und Tiere» (AKUT) Schweiz.