Agrarpolitik 30: Was sie für Tiere wirklich verändert

Datum: 16. February 2026
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Mit der Agrarpolitik 30 (AP30 bzw. AP30+) wollte der Bundesrat einen grossen Schritt in Richtung Zukunft machen: weg von einer Landwirtschaft, die primär auf maximale Produktion ausgerichtet ist, hin zu einem System, das Umwelt, Klima, Tierwohl und Gesellschaft gleichermassen berücksichtigt. Auf dem Papier klingt das nach Aufbruch. In der politischen Realität zeigt sich jedoch: Der Weg dorthin ist steinig – und für Tiere oft enttäuschend langsam. 

Warum die AP30 so relevant ist: Sie legt fest, wofür Milliarden an Steuergeldern eingesetzt werden, wie Tiere gehalten werden dürfen und welche Art von Landwirtschaft wir in der Schweiz langfristig fördern. 

Agrarpolitik betrifft uns alle – und ganz besonders die Tiere

Agrarpolitik ist kein Nischenthema. Rund ein Drittel der Schweizer Landesfläche wird landwirtschaftlich genutzt, jährlich fliessen rund 2,8 Milliarden Franken Direktzahlungen. Diese Gelder entscheiden mit darüber, 

  • wie Tiere gehalten werden,
  • wie intensiv Böden und Landschaften genutzt werden,
  • wie viel Tierleid durch Leistungsdruck, Zucht und ökonomische Zwänge entsteht. 

Für Tiere bedeutet Agrarpolitik ganz konkret, wie viel Platz sie haben, ob ihre Bedürfnisse zählen – oder ob sie nur als Produktionsfaktor gelten. 

Das Zukunftsbild 2050: Endlich das ganze System im Blick

Mit dem Zukunftsbild 2050 schlug der Bundesrat zunächst einen neuen Ton an. Erstmals wurde nicht nur die landwirtschaftliche Produktion betrachtet, sondern das gesamte Ernährungssystem: vom Acker über die Tierhaltung bis zum Konsum. 

Weniger Futtermittelanbau, mehr Effizienz, mehr Klima- und Umweltschutz – und damit auch die Chance auf weniger Nutztiere, die unter Hochleistungsbedingungen leiden. Viele sahen darin einen längst überfälligen Perspektivenwechsel. Doch diese Hoffnung hielt nicht lange. 

Wenn Reformen an Grenzen stossen – und Tiere den Preis zahlen

Sobald es konkret wurde, zeigte sich, wie eng der politische Spielraum ist. In den entscheidenden Gremien dominierten etablierte Interessen, während Tierschutz-, Umwelt- und Konsument:innen-Stimmen kaum Gewicht hatten. Der Grundsatz schien zu lauten: Niemand soll verlieren – auch wenn das bedeutet, dass sich strukturell kaum etwas ändert. 

Besonders deutlich wurde dies bei Vorschlägen wie einer Lenkungsabgabe auf Dünger und Pestizide. Was ein wirksames Instrument zum Schutz von Umwelt, Gewässern und indirekt auch Tieren hätte sein können, wurde so stark abgeschwächt, dass die Wirkung fast verpuffte. 

Sicherheit vor Wandel

Geopolitische Krisen, steigende Kosten und Proteste aus der Landwirtschaft haben den politischen Fokus verschoben: Versorgungssicherheit steht plötzlich über allem. Im Parlament gewinnen Forderungen nach mehr Produktion und weniger Auflagen an Gewicht – oft zulasten von Tierwohl und ökologischen Zielen. 

Dabei wird selten gefragt, welchen Preis Tiere für diese Produktionslogik zahlen: zu enge Ställe, Hochleistungszucht, frühe Schlachtung, kaum Raum für natürliche Verhaltensweisen. 

Was von der AP30 übrig bleibt

Der aktuelle Stand der AP30+ bringt einzelne Verbesserungen, bleibt aber vorsichtig: 

  • stärker ergebnisorientierte Umweltziele (z. B. bei Biodiversität),
  • weniger Bürokratie dank besserer Daten,
  • mehr Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungskette, etwa mit dem Detailhandel. 

Das kann punktuell helfen – doch für einen echten Wandel im Umgang mit Tieren reicht es nicht

Lebenshöfe: Ein anderes Verständnis von Landwirtschaft

Lebenshöfe spielen in der offiziellen Agrarpolitik kaum eine Rolle. Und doch sind sie wichtig. Sie zeigen, dass Landwirtschaft auch anders geht: nicht auf maximale Leistung ausgerichtet, sondern auf Würde, Fürsorge und Verantwortung gegenüber dem Tier

Lebenshöfe machen sichtbar, was in der Agrarpolitik oft fehlt: Tiere sind Lebewesen mit eigenen Bedürfnissen, keine Produktionsmittel. Zudem leisten sie wertvolle Bildungsarbeit und schlagen Brücken zwischen Stadt und Land – ein Beitrag, der politisch bislang kaum anerkannt wird. 

Gerade im Kontext der AP30 könnten Lebenshöfe Impulsgeber sein für ein erweitertes Verständnis von Landwirtschaft. 

Fazit: Zwischen Anspruch und Wirklichkeit

Die Agrarpolitik 30 zeigt ein bekanntes Dilemma: Der Wunsch nach einer nachhaltigeren, tierfreundlicheren Landwirtschaft ist da – der politische Mut, sie konsequent umzusetzen, fehlt oft. Zu stark wirken alte Strukturen, zu gross ist die Angst vor Veränderung. 

Ob die AP30+ langfristig doch noch zu einem Wendepunkt wird, hängt davon ab, ob wir bereit sind, Tierwohl, Umwelt und Ernährungssicherheit gemeinsam zu denken – und nicht gegeneinander auszuspielen. 

Denn echte Zukunftsfähigkeit beginnt dort, wo wir Verantwortung für die Schwächsten übernehmen. Auch – und gerade – für die Tiere. 

Quellen: www.blw.admin.ch/de/agrarpolitik-2030 / www.republik.ch/2025/11/24/die-gigantische-reform-die-keine-wird